Gezeitenkreuzschöpfer im Gespräch
Auf dem Wasser hat Gott immer was zu suchen
Der Boots- und Kreuzbauer Georg Wawerla im Gespräch mit Martin Sterr über die Verbindung von Wasser, Zeit und Glaube und sein „Lieblingsgezeitenkreuz“.

Georg Wawerla ist 47 Jahre alt. Seit 1989 ist er selbstständiger Bootsbaumeister und Möbel-Designer. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er lebt mit seiner Familie in Kiel.
gezeitenkreuze.de: Wie kommen Kreuz und Gezeiten zueinander?
Georg Wawerla: Zunächst finde ich die Komponente Zeit interessant. Das Kreuz hat eine zeitliche Unbestimmtheit, die Gezeiten sind ein flexibler Prozess, der temporären Schwankungen unterliegt. Dann kommt die Gefühlsebene, die gefühlte Zeit dazu. Alles auf der Erde steht im Zeichen der Zeit. Die Geburt, die Jugend, das Erwachsensein und schließlich der Tod. Die Interpretationsmöglichkeit von Zeit, Wasser und Kreuz fasziniert mich einfach.
gezeitenkreuze.de: Wie entstand die Idee zu den Gezeitenkreuzen?
Georg Wawerla: Ich habe immer den Wunsch gehabt das Kreuz zu interpretieren. Wenn ich sonntags in die Kirche gehe blicke ich wie viele, nach vorne zum Altar und da steht ein Kreuz. Und wenn man oft und lange auf etwas schaut, dann kommt der Gestalter in einem durch und man fragt sich unwillkürlich, was kann ich damit machen? Das Kreuz ist das „sinnvollste“ Symbol, das mir bekannt ist. Verstanden aus einer christlichen Sichtweise verkörpert es eine ganze Lebensphilosophie, eine ganze Lebensweise. Und ich muss mich einfach als Gestalter mit dieser Form auseinandersetzen. Aber wie so oft im Leben bedarf es eines Anlasses oder Anstoßes sich mit einer Idee zu beschäftigen. Und als Martin Sterr von der Kirchenzeitung auf mich zukam und mich fragte: „Machst du eigentlich auch Kreuze?“ Da dachte ich:“ Toll, das mich mal einer danach fragt!“. Da habe ich sofort eine Palette von verschiedenen Kreuzen gezeichnet, modelliert und gestaltet. Also die Gezeitenkreuze sind nicht das Ende meiner Auseinandersetzung mit dem Kreuz. Aber ich möchte durch das Gezeitenkreuz auch andere animieren, sich mit dem Kreuz in vielleicht ganz anderer Weise als ich zu beschäftigen. Dies ist eine Herausforderung für jedes Lebensalter.
gezeitenkreuze.de: Satteln Sie jetzt um vom Bootsbauer zum Kreuz-Bauer?
Georg Wawerla: Wenn man einmal Bootsbauer gewesen ist, dann verfolgt einen dieses Handwerk sein Leben lang. Denn bei diesem Handwerk schafft man mobile Dinge, die sich fortbewegen. Und bei einem Schiff oder Boot, das mal aufs Wasser geht, trägt man eine ungeheure Verantwortung. Wenn ein Tisch zusammenbricht ist das auch nicht schön, aber ein Boot kann untergehen. Man entwickelt ein ähnliches Berufsethos wie die Zimmerleute. Die achten auch darauf, dass niemandem das Dach über dem Kopf zusammenstürzt. Egal was man später macht, dieses Verantwortungsgefühl legt man nicht ab. Faszinierend ist für mich auch, dass jedes handgemachte Boot ein Unikat ist, deshalb ist es für mich völlig logisch, dass ich als Bootsbauer handgemachte Kreuze herstelle. Kreuze, Schiffe und Wasser stehen für mich ohnehin in einem Zusammenhang. Auf vielen Schiffen sieht man irgendwo ein Kreuz, auch der Begriff „christliche Seefahrt“ kommt nicht von ungefähr. So hat für mich Gott auf dem Wasser immer was zu suchen.
gezeitenkreuze.de: Die Gezeitenkreuze werden aus Edelhölzern oder so genannten Tropenhölzern gemacht. Warum?
Georg Wawerla: Einheimische Hölzer – vor allem Nadelhölzer sind in ganz seltenen Fällen dauerhaft seewassertauglich. Daher muss man vor allem im Holzbootsbau auf andere Hölzer zurückgreifen. Die Bezeichnung Tropenholz ist inzwischen ein negatives Etikett geworden, weil es ungebremste Abholzung, die Zerstörung von natürlichem Lebensraum sowie die Vertreibung von Indios impliziert. Meine Antwort dazu ist, dass wenn man schon Holz aus den entlegensten Regionen zu uns kommen lässt, dann muss man sich wenigstens für eine dauerhafte Nutzung durch Gestaltungsveredlung einsetzen. Überspitzt gesagt: der Tisch oder die Kommode, die ich baue, müssen ein Erbstück werden und Generationen dienen. Viele Jollen und Yachten sind über 100 Jahre alt und werden weiterbenutzt. Kunststoffyachten erreichen so ein „Lebensalter“ nicht. Dort stimmt die Ökobilanz ganz und gar nicht. Wir verwenden deshalb Holzreste aus dem Bootsbau weiter, indem wir daraus Kreuze machen. Oder wir nehmen eine Kirchenbank und machen daraus ebenfalls Gezeitenkreuze. Also wir nutzen Holz, das schon einen Nutzen gehabt hat. Damit kann ich sehr gut leben.

Georg Wawerla
gezeitenkreuze.de: Was verbinden Sie mit den Bezeichnungen wie „Licht“, „Vertrauen“ oder „Geborgenheit“ der Kreuze?
Georg Wawerla: Durch die Benennung erfahren die Kreuze eine spezifische Erhöhung, die die Einzelnen zusätzlich zum Objekt Kreuz ansprechen kann. Am Gezeitenkreuz „Zeit“ sehe ich zum Beispiel den Zersetzungsprozess bedingt durch den Wind, Regen oder die UV-Strahlung. Man kann das als naturgegebene Entwicklung fühlen oder das einfach als rottendes Holz betrachten. Mich interessiert die Interpretation in Bezug auf den Zeitstrahl. Der Eichensamen fällt auf den Boden keimt, und in vielen Jahren wächst ein Baum. Schließlich wird er gefällt und irgendwann kommt jemand, der aus einem Stück ein Kreuz macht. Die Benennung des Kreuzes gibt dem späteren Besitzer einen Hinweis auf meine Empfindung, einen Hinweis auf mein Fühlen zum Zeitpunkt der Herstellung. Aber das Schöne am Gezeitenkreuz ist, niemand muss meine Empfindung teilen, denn das Kreuz ist für alle Möglichkeiten offen.
gezeitenkreuze.de: Welches ist Ihr persönliches Lieblingskreuz?
Georg Wawerla: Das Kreuz „Zeit“ ist für mich – in meiner momentanen Lebensphase mit Frau, Kindern und Unternehmen – das Bedeutungsschwerste. Ich fühle, dass ich irgendwie die Mitte meines körperlichen Lebensalters erreicht habe. Ich versuche, jetzt mein Leben sinnvoller zu gestalten. So wird die Zeiteinteilung oder das Nachdenken über den Wert der Zeit, die man noch hat, eine wesentliche Richtschnur meines täglichen Lebens. Deswegen steht mein Kreuz auf meinem Computer und damit jeden Tag in Augenhöhe.